Das australisch-vietnamesische Salatblatt

Veröffentlicht 16. September 2014 von frolleinclothilde

Reisen bildet und dafür muss ich nicht einmal die sicheren Mauern des Hexenhauses verlassen, die auch mal wieder gestrichen werden könnten. Dafür gibt es nämlich Reiseberichte im Fernsehen und die erzielen manchmal einen Effekt, den der Autor und kamerawirksam Reisende auf der Mattscheibe gar nicht beabsichtigt hat. Ich denke da nur an die seit einigen Monaten hier etablierte Salatblatt-Deko aus dem in Australien beheimateten vietnamesischen Spezialitätenrestaurant, dessen Name nie genannt wurde.

copyright by S. Thomas  / pixelio.de

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Ein Känguru tauchte im Bericht nicht auf. Immerhin ging es um kulinarische Erlebnisse. Allerdings kann ich natürlich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, was sich so alles in den diversen Fleischgerichten der diversen Restaurants der 1-2-3-xx-Sterne-Klasse tummelte.

Es war einmal …

Ein Reisender mit Kamera und Sponsor sowie viel Sinn für internationale Heldentaten im Gourmet-Universum, der unbedingt nach Australien wollte. Das klappte dann, und weil wir ja immer so global-gut und multikulti sind, hat er sich mal über die Einwanderer-Geschichte informiert. Nicht, dass ihn das offensichtlich sehr interessiert hat, aber vielleicht wollte der Sender das so. Jedenfalls landete er ein paar Minuten Sendezeit in einem vietnamesischen Restaurant in Australien, im Voice-Over wurde über die Einwanderer aus Vietnam schwadroniert und ein paar Happen in der lebhaften Atmosphäre an einem Tisch mit Plastiktischdecke gegessen.

copyright by Nicholas Thein  / pixelio.de

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Eigentlich ging es aber um dieses wahnsinnig tolle Superrestaurant irgendwo in der Pampa, in der zu superduper anspruchsvollem Wein das wahre Mekka liegen sollte – laut Reisendem. Minutenlang flimmerten im Hexenhaus also die Bilder auf, in denen ein Koch mit zu viel Zeit eine Pinzette benutzte, um die Deko auf und neben das Miniatursteak zu drapieren.

Ich dachte, das wäre die Vorspeise … nun ja … und der Koch eine Leihgabe aus einem Beschäftigungsprogramm zur Wiedereingliederung ins Berufsleben. Der Reisende hatte jedenfalls vor Begeisterung fast einen Schlaganfall.

Echt zu doof

Um ehrlich zu sein, verließ mich bereits stark die Begeisterung, als der Koch die Pinzette einsetzte. Das war auch nicht weiter schlimm, denn im Kopf von der Dicken Hexe kreiste ein Salatblatt.

Es trieb von einer Gehirnzelle zur anderen, denn es hatte Eindruck gemacht. Die Vietnamesen-Köche, die offenbar ohne viel Schickimicki auch gute Ideen haben, legen es auf den leeren tiefen Teller. Da kann sich dann jeder Gast seine Portion hineinhäufeln, es zusammenfalten und sein Essen mitsamt gesunder Vitamine in den hungrigen Rachen schaufeln.

copyright by Karin Bangwa  / pixelio.de

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(Tomate bitte durch Bratreis mit Schweinefleisch oder Ähnliches ersetzen)

Fand ich gut und seitdem gibt es bei vielen Gerichten – vorzugsweise bei Bratreis oder Schmortopf – die Dressing-freie Tellertapete aus Salat. Geklappt wird zwar nichts, aber es sieht wirklich dekorativ aus und schmeckt durch die Ladung drauf sogar noch gut.

Nun bin ich fest überzeugt, dass der Reisende keineswegs beabsichtigt hatte, mit diesem popligen Salatblatt aus dem Pflichtbesuch Eindruck zu hinterlassen. Nö, dafür waren doch wohl eher die Pinzette und das Mikro-Steak gedacht. Ganz doof und völlig von der Dicken Hexe am Thema vorbei interpretiert. Tja, im Hexenhaus regiert eben unverwüstlich ostpreußische Bodenständigkeit. Mit Pinzetten haben wir es nicht so.

Vom Teller ins wahre Leben

Aber so ist das, nicht wahr? Immer wieder lese ich, dass irgendwas den Menschen nicht „richtig kommuniziert“ werden konnte. Nüchtern ausgedrückt haben die Deppen mit dem Horizont eines Mauerschwamms einfach nicht kapieren wollen, was ihnen die Volkserzieher sagen wollten. Was in der Folge meist zu unerwarteten Wahlschlappen und dem Abschied aus Länderparlamenten und dem Bundestag führt. Eine Tragödie, wohin die mangelnde Intelligenz und fehlende Fügsamkeit ansonsten unwichtiger Menschen manchmal führen kann, gelle?

Es ist wohl ein unerwarteter Stolperstein auf dem Weg zum einheitlich perfekten Geschöpf, dass Menschen sich ihre eigene Meinung bilden und sich manchmal sogar für ganz andere Dinge interessieren, als die höher entwickelten Lebewesen, die gerne unsere Steuern verschwenden.

copyright by  Rolf Handke  / pixelio.de

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Und das ist sogar gut so. Ich denke, jeder hat das Recht, in seinem Leben ganz verschiedene Dinge für wichtig zu halten. Er muss nicht so sein, wie alle anderen sind, die ihre Meinung für das einzig Selig machende halten. Er darf Fehler machen, er darf alberne Dinge gut finden, einfache Sachen – die nicht das Überleben der gesamten Menschheit sichern – für sehr wichtig halten und auch mal außerhalb der Norm sein. Norm ist langweilig.

Wenn alle das Gleiche denken, fühlen, wollen und essen, dann wird mir das ein bisschen unheimlich. Das hatten wir schon oft genug und es ist nie gut ausgegangen.

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Ein Kommentar zu “Das australisch-vietnamesische Salatblatt

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